Marek M. Chojecki · MCH
← Alle Projekte
Performance · Theater2021

8≠1

Acht ungleich eins · Doris Mirescu, nach Fassbinder

RegieassistenzDramaturgieSpiel
8≠1

Familiensaga im Arbeitermilieu

«Acht Stunden sind kein Tag», 1972 von Rainer Werner Fassbinder für den Westdeutschen Rundfunk (WDR) gedreht, ist eine Fernsehsaga in fünf Folgen, die von den Liebschaften und Alltagsproblemen einer Arbeiterfamilie in Westdeutschland erzählt.

Ein intensives, visionäres Werk

Während die Pandemie alle Karten neu mischt, soziale Fragen neu definiert und wirtschaftliche Verflechtungen verändert, befragt diese brandaktuelle Miniserie unser Menschsein selbst und unser Verhältnis zu Arbeit, Unterdrückung und dem Willen, frei und kompromisslos zu leben und zu existieren.

«Acht Stunden sind kein Tag» versteht sich zudem als starke feministische Geste, verankert in einer umfassenden Modernität. Als zentrale Figur dieser Familiensaga stellt die Grossmutter soziale Rahmen und Orientierungen in Frage und wirft alle Codes über den Haufen, um ihr Schicksal und das ihrer Angehörigen in ein weites Feld von Möglichkeiten einzuschreiben.

Experimentelle Installation

Nach über 20 Jahren Arbeit und Produktionen in New York ist «8 ≠ 1» die erste Kreation von Doris Mirescu in der Schweiz. Doris Mirescu/Dangerous Ground Productions (2001 in New York gegründete Compagnie) entwickelt einzigartige experimentelle Installationen, deren originelle Formgebung und innovativer Einsatz von Video und Bild von zahlreichen amerikanischen Zeitungen und Magazinen gewürdigt wurden (Vice Magazine, New York Times, Village Voice, nytheatre). Die Produktionen von Dangerous Ground erkunden unser kollektives Gedächtnis und reisen ins Innerste des Menschen, anhand eines anspruchsvollen und erneuerten zeitgenössischen Filmrepertoires. Sie waren an renommierten amerikanischen Theatern zu sehen, etwa am Public Theater (im Rahmen des Under the Radar Festival) oder am P.S.122.

Fassbinders Bilder neu zum Leben erwecken

Das Wagnis des Anderen eingehen, ins Herz von Raum und Zeit vordringen, damit Fassbinders Bilder wieder lebendig werden – das ist das künstlerische Vorhaben von Doris Mirescu, Regisseurin und künstlerische Leiterin. Ihre akribische Zerlegung eines Raums, eines Films und eines Textes sprengt die Codes der linearen Theaterdarstellung und erkundet die Ränder, um so die letzte Wahrheit des Originalwerks freizulegen. «Ich will dem Menschen ins Gesicht sehen, ihn leben lassen, ihn schreien lassen, ihn durch mich sprechen lassen auf dieser Bühne, die ich seit vielen Jahren zu erschüttern versuche, indem ich die beruhigende Distanz und Trennung aufhebe (…)», sagt Doris Mirescu.

Eine Fabrik als multimediale Leinwand

Als vollkommene Entsprechung von Inhalt und Form in Fassbinders Werk und als absolute Erfahrung eines Ortes findet die Performance in einer ehemaligen, verlassenen Uhrenmanufaktur in Vaulion statt, deren neu erfundener Raum für die Dreharbeiten in ein Filmstudio verwandelt wurde. Als echte interdisziplinäre Erfahrung vereint «8 ≠ 1» rund zwanzig Schauspieler·innen und Laien, Musiker·innen, bildende Künstler·innen, Videokünstler·innen, Filmemacher·innen/Kameraleute. Drei Kameraleute filmen «8 ≠ 1» als Plansequenz. Die «Feeds» dieser drei Kameras werden «live» an die Wände eines kleinen, zum Kinosaal umgebauten Raums der Fabrik projiziert.

Diese immersive Anordnung, wesentlich für die Erfahrung des «Live Cinema», ist weder Illustration noch Dekor, sondern im Gegenteil ein Versuch, das Leben in seiner Gegenwart und seinem ununterbrochenen Fluss zu «zeigen». So entsteht eine intime Beziehung zwischen der Kamera, den Kameraleuten und dem «Schauspieler», die das Publikum ins Herz der Erfahrung versetzt. Im Sinne dieser Resonanz wird auch der Zugang zur Aufführung vervielfacht: Sie wird dem im kleinen Kinosaal der Fabrik versammelten Publikum angeboten sowie im Livestream über den Vimeo-Kanal, der die Performance live überträgt.