Marek M. Chojecki · MCH
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Theater2019

Sur le départ

Václav Havel · Cie Acte V

Regie
Sur le départ

Sur le départ ist die Geschichte eines Politikers am Ende seiner Amtszeit. Nach einem ganzen Leben in der Politik und an der Spitze des Staates gibt er die Macht ab und muss sich einem neuen Leben stellen, in dem Macht und Einfluss nicht mehr existieren. Eingeholt von seinen früheren Machenschaften, manipuliert von seinen Gegnern, benutzt von den Medien und unfähig, den Verlust seines Rückhalts im Volk wahrzuhaben, veranschaulicht dieser scheidende Politiker die Realitäten der politischen Welt und wie schwer es ist, sie unbeschadet zu verlassen.

Sur le départ zeigt eine absurde, aber zugleich sehr reale und universelle politische Welt. So vermischen sich die Klassiker mit der Erzählung, mit ganzen Passagen, die Shakespeare oder Tschechow entlehnt sind. Ein König Lear erscheint, verloren in seinem zerfallenen Reich – der Abstieg eines ehemaligen Staatschefs in den Wahnsinn. Ein Adel, der entartet und verschwindet, entlang der Themen des Kirschgartens. Das Ganze ergibt einen Text, der öffentliche und politische Persönlichkeiten befragt. Was geschieht mit denen, die die Macht verlieren?

Doch es ist weit mehr als eine blosse Erzählung: Sur le départ ist eine Reflexion über das Theater, über die Regie und die Schauspieler, eine Art Selbstbefragung des Dramatikers über das Schreiben seines Werks – die Macht eines Autors über sein Werk und seine Figuren. So wird die Aufführung regelmässig unterbrochen, wenn der Autor die Bühne betritt und Handlung und Schauspieler einfriert. Doch dieser Autor ist niemand anderes als Václav Havel – an der Grenze zwischen Wirklichkeit und Absurdem teilt er mit dem Publikum seine Bemerkungen und Gedanken zu seinem Stück, aber auch zu seiner reichen Lebenserfahrung. Was kann er uns, mit einer Lebenserfahrung als eigentümliche Mischung aus Dissident, Politiker und Dramatiker, wohl lehren?

Sur le départ erzählt also zwei parallele Geschichten: jene, die der Autor erzählt, und jene des Autors selbst, des faszinierenden Václav Havel.

Václav Havel durchlief in seinem Leben mehrere Phasen. Seine Zeit als Dramatiker erstreckt sich hauptsächlich von 1960 bis 1989, parallel zu seiner Opposition gegen das kommunistische Regime, bevor sie von einer politischen Phase abgelöst wurde: Von 1989 bis 2003 stand er als Präsident an der Spitze des Landes und schrieb in dieser Zeit kein Theaterstück mehr. Es scheint also klar, dass eine von Havels Motivationen und Inspirationen der Kampf seines Landes war, sich vom Joch der kommunistischen Diktatur zu befreien und die Freiheit zu erlangen. Als dies erreicht war, konzentrierte er sich auf den Wiederaufbau des Landes, wo das Theaterschreiben offenbar keinen Platz mehr fand. Als Havel 2007 wieder zur Feder greift und sein Stück Sur le départ (Odcházení), auch La comédie du pouvoir genannt, schreibt, fragt man sich daher: Was will er uns weitergeben? Fast zwanzig Jahre nach seinem letzten Stück, mit 71 Jahren und einer Lebenserfahrung als eigentümliche Mischung aus Dissident, Politiker und Dramatiker – was kann er uns wohl lehren? Was hat Václav Havel mit einem seiner letzten Texte als Vermächtnis hinterlassen wollen?

«Mich interessierte – und tatsächlich interessiert mich nach wie vor – die allgemeinere, existenzielle Natur der Dinge. Mich interessierte, wie es kommt, dass ein Mensch, der Macht verliert, auch den Sinn des Lebens verliert. Warum hat die Macht für manche Menschen ein solches Charisma, dass ihr Verlust für sie den Zusammenbruch ihrer Welt bedeutet?»Václav Havel